Der folgende Text, geschreiben von Moritz Werner, wurde in einem der führenden Magazine über den historischen Motorsport Ausgabe Nummer 21 der Automobilsport veröffentlich.

Moritz Werner ist einer der geschäftsführenden Gesellschafter von KW (Klassische Automobile GmbH & Co. KG). Vor 40 Jahren begann sein Vater Klaus Werner Alfa Romeos, Maseratis und Ferraris der 30er bis 60er Jahre im Rennsport einzusetzen und mit den Fahrzeugen zu handeln. Dem Thema seit Kindestagen leidenschaftlich verbunden, treten die Söhne Moritz und Max nun seit einigen Jahren in seine Fußstapfen, sowohl hinter dem Lenkrad als auch auf dem internationalen Markt für historische Rennwagen.

Wir Enthusiasten der automobilen Renngeschichte teilen nicht nur die Begeisterung für den Sport und die faszinierenden technologischen Entwicklungen. Uns alle verbindet auch das Gefühl, dass die vergan-genen Zeiten besondere und unwiederbringliche Momente hervorgebracht haben.

Eine zentrale Frage, die das Geschehen auf dem Markt für seltene Objekte aufwirft, ist folgende: Warum begeistern uns eigentlich Originale wesentlich mehr als Kopien? Eine hervorragende und unterhaltsame Erklärung bietet der an der Yale University lehrende Psychologieprofessor Paul Bloom in seiner 2011 erschienenen Präsentation „Der Ursprung der Freude“ auf der Onlineplattform TED. Dass wir Originalen so hohe Wertschätzung entgegenbringen, hat laut Bloom viele unterschiedliche Gründe. Einer davon ist, dass man Originale nicht reproduzieren kann. Während Kopien – wenn auch zuweilen nur mit erheblichem Aufwand – theoretisch in beliebiger Zahl angefertigt werden können, gibt es das Original immer nur genau ein Mal.

Ähnlich sehen das heutzutage viele Oldtimer-Sammler, die eine Restaurierung entweder ganz vermeiden oder zumindest möglichst viel originale Substanz erhalten wollen. Ist eine Restaurierung einmal umgesetzt, gibt es kein Zurück mehr zum Ursprungszustand des Fahrzeugs. Selbst für limitierte Supercars wie einen McLaren F1 oder Ferrari Enzo gilt, dass in der Regel kein produziertes Auto dem anderen gleicht und jedes für sich damit ein Original ist.

Wie Bloom erklärt, hängen unsere Empfindungen beim Betrachten eines Gegenstands im Wesentlichen davon ab, was wir vor uns zu sehen glauben. Das Wissen um die Geschichte eines Gegenstands bestimmt zu einem erheblichen Teil, wie viel Freude wir beim Betrachten oder Erleben dieses Gegenstands empfinden. Wer Michael Schumachers Formel-1-Karriere über viele Jahre hinweg im Fernsehen oder vereinzelt an der Strecke verfolgt hat, wird mit Sicherheit Gänsehaut bekommen, wenn er in einem originalen F1-Boliden des siebenmaligen Weltmeisters Platz nehmen darf – während ihn ein dekoratives Rolling Chassis wahrscheinlich kaltlassen würde.

Obwohl wie bereits erwähnt die meisten Sammler heutzutage ein unrestauriertes einem restaurierten Fahrzeug vorziehen würden, kann man zumindest anerkennen, dass eine Restaurierung in gewisser Hinsicht automobiles Kulturgut erhält. Anders allerdings sieht es mit dem Aufbau von sogenannten Replikas oder Continuations aus. Dass manch ein Oldtimer- Enthusiast ein Traumauto, das er sich unmöglich leisten könnte, zumindest als Nachbau besitzen will, ist verständlich. Dass allerdings bei historischen Rennveranstaltungen mittlerweile mehr Replikas bewegt werden als Originale, ist eine Entwicklung, an deren Sinnhaftigkeit ich zweifle.

Diejenigen, die solche Nachbauten in Goodwood, bei der Le Mans Classic oder bei der Tour Auto einsetzen, werden zu ihrer Verteidigung sagen, das fahrerische Niveau sei heute solcherart, dass man ein originales Fahrzeug nicht mehr guten Gewissens im historischen Sport bewegen könne. Der Einwand hat durchaus seine Berechtigung, wie ich im Rückblick auf unsere beiden Rennen beim letzten Goodwood Revival aus erster Hand bestätigen kann – wir hatten dort viel Glück, dass wir unsere beiden originalen Fahrzeuge unbeschädigt wieder mit nach Hause nehmen durften. Ich glaube jedoch, dass bei dieser Entwicklung Ursache und Wirkung verwechselt werden: Durch den Einsatz der Nachbauten ist das fahrerische Niveau wesentlich risikoreicher geworden und nicht umgekehrt. Neues Blech lässt sich eben leichter ersetzen, und ein neuer Motorblock kann einfacher ausgetauscht werden.

Dass selbst bei den eigentlich hervorragenden Veranstaltungen von Patrick Peter in der „The Greatest’s Trophy“ in Barcelona eine Ferrari-GTO-Replika mitfahren durfte, ist aus meiner Sicht leider kein positives Zeichen. Die ursprüngliche Idee hinter solchen historischen Rennveranstaltungen war doch, den Besitzern das Bewegen der Fahrzeuge im Renntempo zu ermöglichen und dem begeisterten Publikum das motorsportliche Kulturgut zugänglich zu machen. Sollte die gegenwärtige Entwicklung allerdings weiter voranschreiten, wird die Zahl der originalen Rennfahrzeuge, die auf den Veranstaltungen in Aktion zu sehen sind, immer kleiner werden, während immer mehr Autos ihr Dasein hinter verschlossenen Türen fristen. Stattdessen sollten alle Liebhaber des historischen Rennsports gemeinsam dafür sorgen, dass man diese tollen Fahrzeuge weiter mit kalkulierbarem Risiko auf der Rennstrecke einsetzen kann. Und die Besitzer der Replikas sollten eventuell darüber nachdenken, ob nicht der moderne Motorsport das sinnvollere Betätigungsfeld für sie darstellt.

Die meisten Motorsportbegeisterten würden vermutlich der These zustimmen, dass ein Auto – egal aus welcher Epoche – nicht einfach nur ein materieller Gegenstand ist und dass allein dadurch die meisten Fahrzeuge einen Grundwert besitzen. Dass bekannte Persönlichkeiten und ihre Lebensgeschichten einen Wert generieren, wird am besten deutlich, wenn man sich Auktionsergebnisse von vermeintlich einfachen Objekten wie einem Paar Schuhe oder einem Satz Golfschläger anschaut. Für ein Paar Schuhe, das die Schauspielerin Judy Garland 1939 in dem Film „Der Zauberer von Oz“ trug, zahlte ein Filmliebhaber über 600 000 US-Dollar; die Golfschläger von John F. Kennedy waren einem Sammler sogar mehr als eine Million Dollar wert.

Ein weiteres Beispiel mit motorsportlicher Nähe bot Mitte Mai eine Uhrenauktion des renommierten Auktionshauses Phillips. Dort wurde eine Rolex Daytona, die Ayrton Senna einem seiner frühen Förderer geschenkt hatte, für mehr als das Dreifache einer vergleichbaren Uhr verkauft. In meiner romantischen Vorstellung als begeisterter Motorsportler war der glückliche Käufer ein glühender Senna-Fan und kein rein finanziell motivierter Spekulant. Generell spielt das jedoch für unsere grundlegende Motivation, Originalen einen höheren Wert beizumessen, keine Rolle; denn es sind eben die Geschichte und die damit verbundenen Erlebnisse, die Gegenstände für uns Menschen wertvoll machen – ob nun im monetären oder im ideellen Sinn.